Gleichstrom-Leitungen für die Automobilfertigung

Bild 1 | Übersicht über die Produktion in Dingolfing. Alle Roboter werden mit Gleichstrom betrieben.
Übersicht über die Produktion in Dingolfing. Alle Roboter werden mit Gleichstrom betrieben.Bild: U.I. Lapp GmbH

In der deutschen Industrie nimmt die Automobilfertigung nach wie vor eine Spitzenposition ein. Ihre Fertigungsanlagen sind oft so groß wie ganze Ortschaften, Tausende von Menschen finden dort Arbeit. Und: Die Branche ist Vorreiter bei fortschrittlichen Technologien, gerade, wenn es um Automatisierung geht. Stanzen, Schweißen, Nieten und Kleben im Karosseriebau – all das übernehmen heute Roboter, die Bauteile mit höchster Präzision bearbeiten. Jedoch brauchen sie dafür viel Strom. „In Zukunft wahrscheinlich mehr und mehr Gleichstrom“, sagt Alois Heimler, Strategic Marketing Manager Intralogistik & Automotive, von Lapp. Gerade wegen den Vorteilen für die Energieeffizienz ist er davon überzeugt: „Das Zauberwort heißt weniger Spannungswandlungen“, erklärt er hierzu.

In einer Karosseriebau-Anlage im BMW Group Werk Dingolfing zeigen sich diese Vorteile schon heute. Denn die Anlage wird mit Gleichstrom betrieben – in einem Pilotprojekt, das zeigen soll, dass es im industriellen Umfeld eine Alternative zur herkömmlichen Wechselstrom-Welt gibt. Lapp liefert dafür die Verbindungslösungen.

Bild 2 | Das gesamte Lapp DC Portfolio ist bei dem bayerischen Autohersteller im Einsatz.
Das gesamte Lapp DC Portfolio ist bei dem bayerischen Autohersteller im Einsatz.Bild: U.I. Lapp GmbH

Dank Bremsrekuperation mehr Energieeffizienz

Gerade beim Karosseriebau bietet sich die Umstellung von Wechsel- auf Gleichstrom an. Auf Maschinen und Roboter entfällt bisher ein großer Teil des Stromverbrauchs einer Industrieanlage, dabei bieten sie entsprechend große Einsparpotentiale. Besonders hoch sind die Einsparpotentiale an hochdynamischen Prozessen wie sie etwa bei Industrierobotern vorkommen. Die Fertigungslinien bewegen sich auf programmierten Bahnen, um die einzelnen Bauteile einer Karosserie zu einem Fahrzeug zusammenzufügen. Dabei beschleunigen sie kurzzeitig und bremsen dann wieder ab. Das bedeutet, ein Roboter entnimmt kurzzeitig viel Energie, um einen Bewegungsablauf zu initiieren oder in kinetische Energie zu wandeln. Im Abbremsmoment oder im Senkbetrieb, wird jedoch aus der kinetischen Energie wieder elektrische Energie erzeugt (Der Antrieb befindet sich nun im Generatorbetrieb). Diese kinetische Energie wird in Wechselstromsystemen (AC) in der Regel nicht gespeichert und geht als Wärmeenergie verloren; so wurden bisher Bremswiderstände eingesetzt um die überschüssige Energie zu ‚verbrennen‘. Anders im Gleichstrom (DC)-Netz: „Hier wird die Energie in den DC-Zwischenkreis, andere DC-Verbraucher oder Energiespeicher gespeist. Somit kann die Energie, die bei Abbremsvorgängen frei wird, ohne große Wandlungsverluste zentral für alle Verbraucher an das Netz zurückgeschickt werden“, erklärt Alois Heimler die Bremsrekuperation. Sie erlaubt demnach den direkten Energieaustausch zwischen allen Antrieben, wie sie etwa in Robotern vorkommen.

Gerade in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit zunehmend gefordert und gefördert wird, ist die Verwendung der bislang ungenutzten Bremsenergie nützlich, denn so kann eine erhebliche Menge Energie eingespart werden. Und das ist nicht der einzige Vorteil, den ein DC-Netz mit sich bringt: Anstatt vieler dezentraler Wandlungen von AC zu DC gibt es nur noch eine zentrale Energiewandlung, die alle Anlagen mit Gleichstrom versorgt. Bonuspunkt: Stammt der Strom aus regenerativen Quellen wie beispielsweise Photovoltaik oder Windkraft, liegt er als Gleichspannung vor, wenn auch die Verbraucher zunehmend auf Gleichstrom ausgelegt sind. „DC ist demnach ein Kernelement für die Energiewende“, so Alois Heimler. Die genauen Einsparungen bei einer Umstellung auf DC variieren je nach Anlage und ihrer Auslastung. Ergebnisse zwischen 15 und 20 Prozent sind jedoch realistisch.

Gleichstrom-Portfolio

Genau an diesem Nachhaltigkeitsgedanken hat Lapp bereits vor einigen Jahren angesetzt und ein Leitungsportfolio für verschiedene Anwendungen im Niederspannungsbereich entwickelt, das auf immer größeres Interesse stößt. Auch in der Karosserieproduktion in Dingolfing kommen die Leitungen zum Einsatz. Darunter die Ölflex DC 100. Mit ihrer maximalen Spannung von 0,75/1,5kV ist sie eine Grundlage für energieeffiziente DC-Netze in industriellen Anlagen und macht sie zur geeigneten Wahl für Automobilhersteller. Ebenso verbaut ist die Ölflex DC Grid 100. Als DC-Starkstromkabel für Gleichstromnetze bietet sie in industriellen Anlagen einen flexiblen, feindrähtigen Aufbau, der selbst in trockenen, feuchten und nassen Umgebungen eingesetzt werden kann. Somit eignet sie sich für Steuerungsanlagen, Motoren und Frequenzumrichter. An der siebten Achse der Roboter in der Anlage kommt die Ölflex DC Robot zum Einsatz. In der Automobilfertigung sind die Anforderungen an Robotikanwendungen hoch. Das Kabel wurde speziell entwickelt, um diesen extremen Bedingungen standzuhalten. Seine hohe Flexibilität ermöglicht es den Robotern, sich präzise zu bewegen, während es gleichzeitig widerstandsfähig gegenüber Rotationen und Biegungen bleibt. Seine kompakte Bauweise spart darüber hinaus wertvollen Platz. Unverzichtbar für die Fertigungslinie sind bewegliche Anwendungen, und auch hierfür hat Lapp eine passende Lösung. Die Ölflex DC Chain 800 kann in Schleppketten mit langen Verfahrwegen oder hohen Beschleunigungen eingesetzt werden. Ihre besonders kurze Aderverseilung erlaubt kleine Biegeradien. Ihr Außenmantel aus speziell entworfenem thermoplastischem Polymer ist chemisch beständig und erhöht ölbeständig.

Bild 3 | Für den Karosseriebau werden viele Roboterleistungen benötigt. Das Bauteil wird von der Decke nach unten in die Produktionsstraße geführt.
Für den Karosseriebau werden viele Roboterleistungen benötigt. Das Bauteil wird von der Decke nach unten in die Produktionsstraße geführt.Bild: U.I. Lapp GmbH

Platz und Ressourcen sparen

Alle Leitungen vereint ein weiterer Vorteil gegenüber den bekannten AC-Leitungen: Während für Wechselspannung 5-adrige Leitungen benötigt werden, kommen bei Gleichspannung ein bis zwei Leiter weniger zum Einsatz. Die geringere Leiteranzahl sorgt dementsprechend für weniger Materialeinsatz. Somit wird für DC-Leitungen weit weniger Kupfer benötigt als für ihre AC-Schwestern. Das macht sie darüber hinaus deutlich platzsparender und gerade für Anwendungen mit beengten Platzverhältnissen oder auch in Schaltschränken interessant. Das Material-Einsparpotenzial liegt hier bei etwa 40 Prozent.

Die Karosseriebauanlage im BMW Group Werk Dingolfing ist ein Anwendungspilot, der die DC-Technologie derzeit in der Praxis testet. Sie wurde im Rahmen des Projekts DC-Industrie2 initiiert. Das deutsche Forschungsprojekt untersucht die Chancen und Herausforderungen der Gleichstromtechnik in industriellen Produktionsanlagen. Langfristig planen Forschende, ganze Fabrikhallen auf Gleichstrom umzustellen. Die Ergebnisse von DC-Industrie2 sind hierfür richtungsweisend, um energieeffiziente Lösungen und Standards zu kreieren. Auch Lapp ist Projektpartner. Die Ölflex DC 100, die im Rahmen des Projekts entstanden ist, ist heute als Serienprodukt auf dem Markt. Doch nicht nur das Forschungsprojekt verbindet die beiden Unternehmen, sondern auch eine langjährige Partnerschaft. DC-Leitungen mit besonderen Leitungsquerschnitten wurden von Lapp eigens und in kurzer Zeit für den Automobilhersteller als Prototyp angefertigt.

„Wir glauben daran, dass in Zukunft mehr und mehr Produktionsanlagen mit Gleichspannung versorgt werden“, sagt Alois Heimler. Er beobachtet ein wachsendes Interesse am DC-Portfolio von Lapp, denn es repräsentiert einen wichtigen Schritt Richtung Energiewende. Daher hat das Familienunternehmen Gleichstrom zu einem wichtigen Teil seiner Zukunftsstrategie gemacht. In diesem Rahmen hat es nicht nur die globale Forschung und Entwicklung neu aufgestellt, sondern auch die Steuerung von Labor- und Testzentrumsaktivitäten. Das Unternehmen kann so noch schneller und agiler auf die Entwicklungen in der Industrie antworten.

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